Kurz, aber lehrreich und informativ

Ich war seit Sonntag jeden Tag zu Fuss unterwegs und langsam merke ich die Müdigkeit in den Knochen. Seit gestern ist es auch hier im Unterengadin richtig heiss geworden, der Himmel wolkenlos, die Luft flirrend.

Als wir vor einiger Zeit mit dem Postauto durch Crusch fuhren, hörten wir einen älteren Einheimischen erzählen, im Restorant Crusch – auf Rätoromanisch schreibt man das tatsächlich so – gebe es sehr gute Pizzen. Das blieb hängen.

Die heutige kleine Wanderung starteten wir direkt von der Ferienwohnung aus. Zuerst machten wir eine kurze Aual-Reko-Tour östlich von Sent durch die terrassierte Landschaft. Wie erwartet, fanden wir, anders als gestern rund um Ftan, keine Spuren von alten Auals.

Auf einem einsamen Weg stiegen wir dann zum erwähnten Restorant Crusch hinunter und gönnten uns eine Pizza. Ich bekam zwar eine andere als bestellt, aber sie war trotzdem gut. Und wenn mir eine Pizza schmeckt, schaffe ich sogar diese übergrossen Dinger – mit dem bekannten Risiko, dass mir danach schlecht wird. Heute war es wieder so, und die Hitze unten im Talgrund hat das Ganze nicht besser gemacht.

Für einen Abstecher zum Sur Ener-Bächlein reichte die Energie aber noch. Ich vermute stark, dass dieses Bächli einst die vielen kleinen Betriebe mit Wasser versorgte:

Die grösste Fraktion von Sent, Sur En, liegt unten am Inn, direkt beim Eingang zur Val d’Uina (Uina-Schlucht). Wenn man heute durch das kleine Dorf spaziert, wirkt es ruhig und fast ein wenig abgelegen. Kaum zu glauben, dass hier früher einmal mehrere kleine Gewerbebetriebe standen, die vom Wasser des Uinabachs (und dem "Aual") lebten und arbeiteten.

Früher ratterten in Sur En gleich mehrere Mühlen und Sägereien, es wurden Kalköfen betrieben, Leder gegerbt, Metall geschmiedet und Stoffe gefärbt. Sogar eine «Walze», ein vielseitig genutztes Stampfwerk und eine Zapfenmühle gehörten dazu. Vieles davon ist verschwunden; übrig geblieben sind nur einzelne Spuren wie etwa ein alter Kalkofen.

In Sur En stösst man heute vor allem auf Feriengäste, Camper, Wanderer und Biker, die in die Val d’Uina einsteigen. Doch hinter dieser ruhigen Gegenwart steckt eine überraschend lebendige Vergangenheit. Vor einigen Jahren hat der einheimische Maurer und Sgraffito-Künstler Joannes Wetzel begonnen, ein fast vergessenes Handwerk wiederzubeleben: das Kalkbrennen. Was früher im Unterengadin alltäglich war – aus lokalen Steinen Kalk zu brennen und damit Häuser zu verputzen – ist heute zu einer kleinen Kulturinsel geworden.

Wetzel restaurierte alte Öfen, experimentierte mit historischen Techniken und gründete 2020 zusammen mit Gleichgesinnten den Verein Kalkwerk. Seither wird in Sur En wieder Kalk gebrannt, und zwar nicht als nostalgische Spielerei, sondern als ernsthaftes Handwerk. Für einen der jüngsten Brände wurden im Val S-charl über zwanzig Tonnen Dolomitkalk gesammelt, sorgfältig geschichtet und während einer Woche gebrannt. Heraus kam hochwertiger Naturkalk – ein Material, das ökologisch, langlebig und erstaunlich vielseitig ist.

Der Verein möchte dieses Wissen weitergeben, organisiert Workshops und Führungen und träumt von einem kleinen Kompetenzzentrum für nachhaltiges Bauen im Unterengadin. So lebt ein altes Handwerk weiter – still, bodenständig und eng mit der Landschaft verbunden.


Sent




Vnà



Sur En


Der künstliche Wasserlauf


Wasserschieber


Wenn man ein wenig trittsicher ist, kann man dem Wasserlauf folgen



Wasserfassung an der Uina. Der künstliche Wasserlauf ist nicht ganz 600 m lang


Crusch mit dem Restorant in der Senter Terrassenlandschaft


Der Kalkofen


Die Uina ist ein rund 14 km langer Bergbach. Sie entspringt in Italien unterhalb der Fuorcla Sesvenna, fliesst durch das wilde Val d'Uina und mündet bei Sur En in den Inn. Bekannt ist sie vor allem durch die spektakuläre Uinaschlucht mit ihrem in den Fels gesprengten Weg



195 hm aufwärts, 500 hm abwärts, 7 km, 2 Std. 

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